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60 Stunden, ein Foto, drei Gesichter: mein erstes Familienporträt

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Die Nachricht war eine knappe Frage, ob ich auch Auftragsarbeiten für Familien mache.


Das ist definitiv neu und nächstes Level. Bisher habe ich Solo-Porträts gemacht, also immer nur eine Person im Fokus. Meine Antwort: Schick mir die Referenz, dann entscheide ich.

Als ich die drei dann gesehen habe, hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Drei Menschen, die einfach herzig in die Kamera lachen. Eine junge Familie mit Baby. Na klar nehme ich den Auftrag an.


Spoiler: Das Bild bleibt privat

Vorweg, weil mir das wichtig ist: Ihr seht das fertige Porträt hier nicht. Das Familienporträt gehört der Familie und das möchte ich respektieren. Aber ich kann euch etwas auf die Reise mitnehmen, wie das Bild entstanden ist.



Drei Gesichter, ein Baby, alles im Großformat

Eine dreifache Premiere: Normalerweise zeichne ich meine Kohleporträts in A2, nun das erste Mal noch eine Spur größer: in A1, also etwa ein halber Quadratmeter Papier.


Und diesmal ist es ein einziges Blatt, mit drei Menschen drauf. Sie sollten nicht nur einzeln stimmen und den Charakter zeigen, sondern auch noch die richtige Größe zueinander haben. Denn wenn die Proportionen nicht passen, sieht das Baby am Ende noch aus wie ein Dino. Viel zu groß oder viel zu klein. Beim Baby war ich auch zudem noch gut nervös, da es mein erstes Baby ist, das ich bisher gezeichnet habe. Bei Babys und Kleinkindern sind die Proportionen anders, als bei erwachsenen Menschen.

Mein liebster Moment: Die Nase vom Baby war auf dem Foto genauso breit wie die von der Mutter. Das lag am Foto, nicht an den beiden. Aber auf dem Papier muss ich dann entscheiden, was ich daraus mache.



Nitram als Fundament


Beim Material bleibe ich überwiegend beim Bekannten. Das graue Papier ist von Clairefontaine Paint'On, 250 g/m². Ich kann mich immer auf das Papier verlassen, wirklich viel probieren und das Papier verzeiht es mir.


Das Fundament habe ich diesmal komplett mit Nitram aufgebaut. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Genommen habe ich die extra weichen Rundstäbe, die Bâtons Moyens mit 8 mm. Im Gegensatz zu klassischer, naturbelassener Weidenkohle wird das Holz bei Nitram vor dem Brennen maschinell in Form gebracht. Durch ein spezielles Herstellungsverfahren bleibt die Zellstruktur des Holzes erhalten. Dadurch sind die Stifte deutlich stabiler, bröseln kaum und erzeugen beim Zeichnen viel weniger Staub als herkömmliche Kohle.


Der Unterschied zur klassischen Weidenkohle lässt sich so zeigen: Irgendwann ist das Papier saturiert wenn ich zu viel Material aufgetragen habe, und dann verwischt die Kohle nur noch. Retten kann ich das mit Fixativ. Fixativ verwende ich grundsätzlich nicht so gerne, da das Bild etwas an Tiefe verliert. In diesem Fall konnte ich getrost auf das Fixativ verzichten. Nice.

Was mir bei Nitram noch aufgefallen ist: Für mich sind noch feinere Nuancen im Gesicht möglich. Die Plastizität wird noch mal eine andere als mit klassischer Weidenkohle. Für mich ist das die nächste Stufe Richtung Fotorealismus.


60 Stunden


Ich hab letztens mal gehört, dass Zeichnen die Kunst der ständigen Korrektur ist ("drawing is the art of continous correction"). Dem kann ich zu 100% zustimmen. Ein drei Personen Porträt verläuft nicht geradlinig im Entstehungsprozess. Der erste Entwurf, die Winkel ansetzen, ständige Korrektur der Relationen zueinander. Und dann noch die wichtigste Frage: ist der Charakter und die Seele der Person eingefangen? Bis man diese mit JA beantwortet, kann durchaus viel Zeit vergehen.


Wenn dieser Moment kommt, und meist kommt er dann doch plötzlich, lege ich die Stifte weg. Die Family habe ich zwei Tage lang ruhen lassen und erst mit frischem Auge habe ich ein paar Kleinigkeiten verändert. That's it. Nach 60 Stunden war das Porträt fertig und ich bin sehr dankbar für die vielen neuen Herausforderungen, die ich meistern durfte.


Was bleibt


Viel Zeit zum Nachdenken hat man ja bei solch einem großen Projekt. Und KI ist das Thema, dass Kreative betrifft und die Frage aufwirft: rentiert sich noch die "Handarbeit"? Denn klar kann man ein Bild auch mit AI editieren lassen und einfach drucken, fertig. Aber nichts davon ersetzt die Stunden am Papier. Als Künstlerin gibt man so viel in so ein Bild: Seele, Zeit, Aufmerksamkeit. Gerade im großen Format spürt man, dass jemand dahintersteht. Das kann eine KI nicht abbilden.


Bei Themen, bei denen der Mensch im Vordergrund steht, sollte eine KI auch nicht sichtbar sein (Stichwort ChatGPT Flyer und Imbissmenüs). Bei Automatisierung, Medizin, Prozessoptimierung, etc. bin ich total dabei, dafür nutze ich sie ebenfalls.


Mein genereller Eindruck, auch aus den Rückmeldungen, die ich bekomme: Es gibt gerade eine kleine Renaissance. Menschen sehnen sich nach echten Menschen, nach dem Herzschmerz in Liedern, den kleinen Typos in Social Media Postings oder eben nach gezeichneten Porträts, die den Menschen einfangen und Generationen überdauern.


Ich glaube eine der wichtigsten Fragen der Gesellschaft im Moment ist: wie wollen wir Menschsein definieren?



Familienporträt zeichnen lassen: Ein Platz ist noch frei


In der letzten Zeit habe ich einige Aufträge erhalten, weshalb ich nun weiter im Voraus plane. Aktuell habe ich noch einen Platz frei für Januar. Anfragen sind bis Dezember möglich.


• Formate: Kohle in A2, A1 oder A0. Die großen Formate sind meine Stärke.

• Ablauf: Wir lernen uns kurz kennen, du schickst mir ein Foto und wir entscheiden, wie das Projekt umgesetzt werden kann. Alternativ wir treffen uns und machen die Bilder gemeinsam (das wäre mir am liebsten :) )

• Preis: auf Anfrage, hängt vom Umfang an

• Anfrage: per Mail an hi@jennyklein.art einfach anrufen


Also dann, wenn du ein ein Porträt zeichnen lassen möchtest, melde dich gerne bei mir. Danke, dass du dir die Zeit nimmst und mich begleitest.


 
 
 

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