Verschmitzter Amor
Aktualisiert: 9. Sept.
Georg, mein Mann hat viele gute Ideen. Und auch dieses Mal mit: trau dich, mach doch deine Bilder nochmal eine Nummer größer. Sein schelmischer Blick hat mich gleich herausgefordert und ich war zaghaft begeistert. Normalerweise mache ich meine Kohle Portraits im A2 Format, also in etwa so groß wie eine aufgeschlagene Zeitung.
Aber gut: challenge accepted! Dann aber gleich ins kalte Wasser und auf A0 stürzen. Das gleicht einem Quadratmeter, also einem hochkant gestellten 65-Zoll-Fernseher. Hört sich nach Spaß an.

Da wars natürlich praktisch, dass ich erst ein paar Tage zuvor die Clairefontaine Paint On Rolle im Angebot gesehen hab. Geschlagene 1.30m x 10m. Also gut Fläche, um mich auszuprobieren. Gesagt, getan und ein paar Tage später wurde das Wohnzimmer nun vollständig zum Atelier.
Das Motiv musste zu meiner Greek Era passen, denn im Moment zeichne ich mich durch den halben Olymp und dessen Geschichten. Ein guter Atelier-Buddy hat Amor vorgeschlagen. Gerne, mach ich: aber bitte keine kitschige oder süße Version. Das hätte ich keine 15 Stunden mit vollem Elan machen wollen. Zum Glück bin ich in meinen Recherchen auf "Der drohende Amor" von Étienne-Maurice Falconet, 1757, gestoßen. Für mich sieht er weniger drohend als verschmitzt aus. Welchen Coup er wohl ausheckt?
Erste Skizze - Geometrie!
Das ständige Mantra, zumindest versuche ich es. Vielleicht sieht man genau in der Phase, dass ich Autodidaktin bin. Und Edi, mein Mentor, hört nicht auf zu betonen: "...reduziere das Portrait am Anfang auf einfache geometrische Formen. Und mach das in Blöcken."

Der Kopf wird eine Kugel, Augen werden zu Dreiecken und Nasen zu verzogenen Pyramiden.
Yes, in der Theorie bin ich voll dabei, dann schlägt irgendwann die "ungelernte" Hand durch. Letztendlich komme ich irgendwie zum selben Ergebnis.
Nur der Weg ist halt bissl anders, so ganz auf meine Art und Weise. Aber mir macht's total Spaß und ich kenn's auch nicht anders ;)
Bei den schwarzen Blöcken bin ich wieder voll dabei. Sie geben mir Orientierung, wo einzelne Körperteile platziert werden.
Charakter herausarbeiten
Das Fundament seht, ich kann mit meinen Hieroglyphen super weitermachen. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit, den Charakter herauszuarbeiten. Auch das hab' ich vom Edi:"...die Winkel müssen passen, so fängst du den Charakter am sichersten ein." Wenn man ihm so zuhört könnte man meinen, er wäre Matheprofessor.

Einfach gesprochen: wie verläuft zum Beispiel die Linie vom äußersten Nasenrand im Verhältnis zum Auge? Dieser Winkel sollte zur Vorlage passen, um das Wesen einzufangen.
Die Herausforderung dabei: 1. überhaupt dran denken, wenn du mitten drin bist und 2. dann den Wald vor lauter Bäume wirklich sehen können.
Wie oft habe ich das Gefühl gehabt, den halben Radiergummi zu verbrauchen, weil ich an einem Detail herumgebastelt habe, nur um nach einer Pause festzustellen, dass ich an der falschen Stelle gearbeitet habe und es darauf gar nicht ankam.
Neue Erfahrungen sammeln
Bisher arbeite ich mit natürlicher Kohle. Dabei habe ich unterschätzt, wie mühsam das Verwischen in dieser Größendimension ist. Dann kann ich es auch gleich meditativ angehen: cm über cm sanft über das Papier gleiten. Fast genauso, als würde ich meine Katze streicheln (Temperamentvolles Tier, mit Vorsicht zu genießen).
Et voilà:

Das wars mit der ersten Skizze. Sitzt alles da, wo es hingehört. Nun ist es an der Zeit für den nächsten Abschnitt.
Liebe zum Detail mit Faber Castell
Jetzt geht's ans Eingemachte: der Pitt Zeichenkohlestift von Faber Castell muss ans Werk und in die Tiefe gehen. Bevor ich das aber machen kann, fixiere ich noch schnell die Skizze mit einem Fixativ. Da ich mit der Weidenkohle bereits gut an Material aufgetragen habe, würde mir eine weitere Schicht auf dem Papier schlicht nicht halten und wieder runterrieseln. Nach 15 Minuten geht's weiter.
Mit dem Stift arbeite ich an den Flächen, bei denen ich mehr Tiefe möchte. Damit die 3Dimensionalität gut zur Geltung kommt. Ich bin schon sehr gespannt, weil ich in dieser Early Stage bereits so viel Fortschritt sehe.
Ich liebe die Zeichenkohle von Faber Castell, weil sie sich leicht verwischen lässt. Ohne, dass ich groß andrücken muss. Die möglichen Abstufungen sind problemlos zu machen. Es macht einfach Spaß, mit gutem Material zu arbeiten.
Vom Groben ins Feine - los geht's
Und da hab ich wohl etwas von meinem Vater übernommen. Die letzten 20% Ergebnis können auch mehr wie 80% der Zeit in Anspruch nehmen ;)
Hier fängt's an, total Spaß zu machen. Ich versinke total gern in einzelne Bereiche. Arbeite an Details, die niemand bemerkt, und selbst Georg schaut mich irgendwann fragend an, weil er den Unterschied zwischen dem Vorher- und Nachher-Zustand nicht mehr erkennen kann.
Das ist voll ok und ich kann eh nicht aus meiner Haut. Warum also nicht einfach die Zeit nutzen und eintauchen?Irgendwann kommt auch der Punkt, an dem ich selber keine Unterschiede mehr sehe.
Ich glaube, der Moment ist gekommen

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in diesem riesigen Format zeichnen würde. Und es ist atemberaubend. Yes, große Worte für eine Niederbayerin. Den Raum, den das Portrait ausfüllt und zum Verweilen einlädt, ist unglaublich. Die Aussage, die ein solch großes Bild vermittelt, einfach gewaltiger. Ich würde zu gern erraten, was Amor da ausheckt. Zum Glück habe ich noch fast 9 Meter von der Papierrolle übrig. Vielleicht wird die Geschichte fortgesetzt und wir erfahren mehr darüber.
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